Neu aufgeladen unterm Stern

 
Accumotive, Kamnez, Ante Römer-Graf

Aktuelles / 08.08.2018  

Accumotive-Personalchefin Antje Römer-Graf hatte einst Ionity in Kamenz mitgegründet. Jetzt ist sie wieder hier.

 

Kamenz. Eine moderne berufliche Karriere verläuft heute nicht mehr geradlinig. Wer kann das nachdrücklicher bestätigen, als Antje Römer-Graf? Die Wahl-Kamenzerin ist heute Personalleiterin für den Gesamtstandort der Deutschen Accumotive GmbH & Co. KG am Ochsenberg. Da ist grad Bewegung drin, aber ordentliche. Auf mehr als 18 Hektar entsteht Werk II der Daimler-Tochter. Schon im Herbst sollen in der neuen Batterieproduktion für die E-Auto-Flotte des Konzerns die ersten Linien anlaufen. Das ist ehrgeizig. „Innerhalb nur eines Jahres wird sich bis Ende 2018 unsere Beschäftigtenzahl auf etwa 1 000 verdoppelt haben“, sagt Antje Römer-Graf. Die 55-Jährige schreibt an dieser Erfolgsgeschichte für Kamenz und die Region mit. In ihrem Personalteam, dem mittlerweile 14 Mitarbeiter angehören, werden Bewerbungen gesichtet, Vorstellungsgespräche geführt und im Erfolgsfall Neueinstellungen sichergestellt. Dazu kommt die ständig wachsende Mannschaft, die es bestmöglich zu betreuen und in Prozesse und Strukturen einzubinden gilt. In Zeiten des Fachkräftemangels ist beides eine echte Herausforderung.

 

Start bei Biria in Neukirch/L.

Aber Bewährungsproben dieser Art hat Antje Römer-Graf schon einige bewältigt. Sie stammt aus Neu-Ulm in Bayern, wo ihr Großvater Hans einst das Familienunternehmen „Römer-Helme“ gegründet hatte – mit einer Produktpalette, die von der damaligen Pickelhaube bis zu den später bekannten Römer-Motorrad-Helmen reichte. In den Achtzigerjahren wurde die Firma abgewickelt, aber die junge Ingenieurin für Produktionstechnik versuchte 1989 den Neustart „mit vielen Ideen, einem kleinen Startkapital, aus einer gemieteten Garage heraus“. Unter dem Firmennamen Casco wurden Sporthelme produziert – aber Antje Römer-Graf hat sich längst neu orientiert. Zunächst beim Fahrradhersteller Biria in Neukirch/L., dann in der Unternehmensberatung Mercury Urval in Dresden. Von dort aus kam sie erstmals nach Kamenz, wo sie maßgeblich am Batterie-Start-Up Ionity im Gewerbegebiet am Ochsenberg beteiligt war. Das war letztlich gescheitert, weil man auf Handy-Batterien gesetzt hatte und mit der technischen Entwicklung nicht mithalten konnte. „Damals war ich froh, dass wir alle 120 Mitarbeiter wieder in Lohn und Brot gebracht haben.“ Auch bei der Litec, die fortan – getragen von zwei großen Konzernen – auf E-Auto-Batterien spezialisiert war. Aber zu dieser Zeit kümmerte sich Antje Römer-Graf wiederum schon um die Papierfabrik Spremberg. Also eine ganz neue Aufgabe, für die sie nochmals studierte. Zunächst wurde sie dort Produktionsleiterin und dann schließlich Europas erste und einzige Werkleiterin.

 

Seit sechs Jahren am Ochsenberg

Seit zwei Jahren ist die Kamenzerin wieder am Ochsenberg zugange. Sozusagen neu aufgeladen unterm Stern – für die Daimler-Tochter Accumotive, auf die nicht nur eine Region, sondern auch ganz Sachsen mit seiner Automobiltradition interessiert schaut. Gegründet wurde die Accumotive vor neun Jahren, und bereits seit sechs Jahren wird am Ochsenberg produziert. Standortsprecherin Ines Heger: „Die in Kamenz produzierten hochkomplexen Antriebsbatterien auf Lithium-Ionen-Technologie sind integraler Bestandteil der Hybrid- und Elektrofahrzeuge für die Marken Mercedes-Benz und Smart.“ Und spätestens seit der Grundsteinlegung für Werk II im Mai 2017, den auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit vollzog, ist die Accumotive in aller Munde. Schon allein wegen der schieren Größe der Investition. Eine halbe Milliarde Euro wird ausgegeben. „Bisher wurden schon knapp 56 000 Kubikmeter Beton und 2 650 Tonnen Stahl verbaut. Teilweise waren bis zu 500 Bauleute gleichzeitig vor Ort. Mittlerweile gehen die ersten Maschinen in den Testbetrieb, und bald folgen weitere Anlagen“, bestätigt Ines Heger. Damit im nächsten Jahr die Serienproduktion voll anlaufen kann.

Und dies muss vor allem auch der Personalbereich um Antje Römer-Graf mit absichern. „Wir sind auf Expansionskurs, und dafür werden Arbeitskräfte dringend gebraucht.“ Allein am 2. Juli zum Beispiel wurden 98 Neueinstellungen realisiert, die sich freilich nicht im Selbstlauf ergeben. „Wir arbeiten sehr gut mit der Agentur für Arbeit zusammen – und neuerdings auch mit der Königsbrücker Ausbildungsstätte KAS.“ Längst habe man erkannt, dass sich ein so großes Unternehmen wie die Accumotive seinen Erfolg beim Nachwuchs selbst organisieren muss. Das erste Lehrjahr mit zwölf Auszubildenden ist erfolgreich zu Ende gegangen, und am 1. August startet bereits das neue, diesmal werden sogar 13 junge Frauen und Männer fit gemacht. Als Industriekauffrauen und -männer, als Mechatroniker und Industriemechaniker. Besondere Aufmerksamkeit erlangte kürzlich auch das erfolgreich abgeschlossene Gemeinschaftsprojekt mit der Arbeitsagentur und der KAS, mit dem über ein Jahr lang Arbeitslose zu Batteriemonteuren umgeschult wurden.

 

Arbeitskräfte-Werbung auf vollen Touren

Nach wie vor läuft die Arbeitskräfte-Werbung auf vollen Touren. „Wir suchen natürlich weiter händeringend Fachkräfte für unsere Produktion, aber auch Betriebsingenieure, Meister oder Instandhalter.“ Dass die Großinvestition von Daimler auf den bestehenden Arbeitsmarkt wirkt, wird in manchem Nachbarbetrieb natürlich auch mit Sorgen gesehen, aber Antje Römer-Graf beruhigt: „Wir werben nicht zielgerichtet ab.“ Das ist in einem Dreischicht-Betrieb wie der Accumotive sowieso keine auf der Hand liegende Option. „Wir setzen auf nachhaltig motivierte Mitarbeiter, die Freude daran haben, an einem innovativen Prozess wie der Elektromobilität beteiligt zu sein.“ Noch dazu, wenn er sich so international vollzieht. In den letzten Monaten sind am Ochsenberg auch Kollegen der Daimlerstandorte in den USA und China unterwegs. Ines Heger: „Wir bauen gemeinsam einen globalen Batterieverbund auf.“ Bei der Accumotive geht es also nicht nur um „Made in Sachsen“, was fertige Batteriekomponente betrifft, sondern auch um das Know How dafür.

 

 

Erschienen am 27.07.2018 in der sächsischen Zeitung